Donnerstag, 4. August 2016

R.I.P. Pokemon GO?

Liebe Pokemon Trainer, liebes Niantic Team,

es gab wohl selten ein Spiel, das so gehyped wurde, wie Pokemon GO. Innerhalb weniger Tage der Top-Download in den AppStores mit sogar mehr Downloads als Twitter? Da kann man nur sagen: fetten Respekt! 

Ich meine, das Konzept des Spiels ist genial: man nehme ein Franchise, dass seit Ende der 90er das Leben vieler Kinder dominierte, kombiniert dies mit dem TCG Feature der damaligen Pokemonkarten und als Kirsche auf dem Sahnehäubchen kommen auch noch die "Flavor of the moment"-AR Funktionen dazu. Der Vorteil zu Ingress (Niantics vorheriges Produkt): no marketing required. Das regelt sich bei Pokemon von selbst. Es ist immerhin gottverdammt nochmal Pokemon!

Allein die Rechte an eingeräumt zu bekommen, ein solches Spiel zu entwickeln, ist im Grunde ein Jackpot-Hit und sollte dazu bewegen, den Spielern ein Erlebnis zu geben, was sie noch nie in der Form hatten. Go Niantic!

Nun folgt aus großer Macht bekanntlich auch große Verantwortung. Die Chance, bei so einem Projekt einen Meilenstein in der Games-Industrie zu setzen, ist groß, die Chance, es nach allen Regeln der Kunst zu versägen, aber auch.

Vorab sei dazu gesagt, dass Niantic wirklich eine tolerante Player-Base hat. Spieler, die stundenlang versuchen, sich bei kotzenden Loginservern einzuloggen, um im Erfolgsfall nicht mal ein einzigen Pokemon aufgrund von Lags und weiteren Serverschwächen fangen zu können, findet man sonst nur bei World of Warcraft. Vielleicht sehe nur ich das so, aber wäre sowas bei "Ingress 2" passiert: RIP Ingress 2.

Ein paar Tage und ein Update später konnte man sich endlich einloggen und mit etwas Glück auch mal etwas spielen. Von da an hatten Spieler erst mal ein Ziel: herauszufinden, wie dieses Spiel überhaupt funktioniert - denn Infos von Niantic gab es nicht viele.
Mythen rankten sich um Curveballs, IVs und das mysteriöse grüne Blinken des Pokemon-Trackers.

Curveballs hatte man irgendwann verstanden, bis auf die Tatsache, dass sie auch gerne auftraten, wenn man den Pokeball absolut gerade warf. IVs konnte man berechnen lassen oder, wenn man ein findiger Entwickler ist, einfach die komplett ungesicherte API von Niantic benutzen. Und das grüne Blinken hat sich inzwischen soweit relativiert, als dass Niantic das Tracking Feature von Pokemon erst kaputt- und dann herausgepatched hat. 

Immernoch gehyped, begannen Spieler alternativen zu suchen das Spiel zu verstehen und Pokemon zu tracken. Pokevision, Pokeadvisor und Co. waren geboren. Externe Entwickler, die mit einer API, die sie nicht gemacht haben, das können, was Niantic selbst nicht schafft und dann auch noch in der Lage sind, es zu dokumentieren und die Community upzudaten? Realsatire vom Allerfeinsten!

Als man dann herausbekam, dass die Niantic API im Grunde in der Lage ist, dass Spiel alleine zu spielen, wurden Bots entwickelt. Und zwar noch in der ersten Woche des Gamereleases. Sowas dauert normalerweise MONATE, nach dem ein Spiel released ist. Niantic, warum macht ihr es uns so einfach? Mittlerweile glaube ich, ihr könnt es nicht besser.

Niantics Reaktion kam, aber natürlich nicht in Form von Kommunikation in Richtung Community. Pokevision wurde vom Netz genommen, weil es angeblich den globale Release von Pokemon GO gefährden würde. Super, nun haben die Spieler gar keine Chance mehr, halbwegs gezielt auf Pokemon Jagd zu gehen, da der Pokemontracker in der App ja noch immer nicht funktioniert.

Gestern hörten plötzlich auch sämtliche andere Services auf zu funktionieren, die auf Niantics API basierten. Es wurden wohl "sicherheitsrelevante" Features eingebaut, um das Botting zu stoppen. Ich hätte gern die Reaktion von Niantic gesehen, als sie gemerkt haben, dass es schon am selben Tag wieder Bots gab, die funktionierten. Klar ist sowas nicht cool und ruiniert mitunter die Spielerfahrung der ehrlichen Spieler. Aber bei Extremfällen, wie Pokemon GO, kann man sich auch ruhig mal fragen, ob es wirklich nur die "bösen Spieler" sind, bei denen die Schuld liegt.

Um auf die Titelfrage zurückzukommen: "R.I.P. Pokemon GO?".
Die Community gab euch, Niantic, so viele Chancen und sie wird euch auch noch weitere geben. Aber auch die Geduld der Community ist endlich und es gibt schon einige, die ernsthaft bezweifeln, dass ihr euch Gamedeveloper nennen solltet. Und einen Twitter Account zu betreiben, der es sogar schafft weniger zu posten als ICH, ist sicherlich nicht unbedingt förderlich.

Bitte, liebes Niantic Team, abschließend können wir noch mal kurz ernst reden. Wenn ihr wissen wollt, wie ich und hunderte andere Entwickler eure API entschlüsselt haben und vielleicht sogar, wie er das verhindert könntet. Wir können über alles reden. ;-)

Ich mein' ja nur...